Stell dir vor: Ein Wasserrohrbruch in der Nacht flutet deine Geschäftsräume. Die Produktionsmaschinen stehen im Wasser, der Server ist hinüber, das Lager durchnässt. Der Sachschaden? Übernimmt deine Sachversicherung Gewerbe. Aber wer zahlt die Miete, die Gehälter deiner Mitarbeiter und den entgangenen Gewinn in den nächsten drei Monaten, während du wieder aufbaust? Genau hier greift die Betriebsunterbrechungsversicherung — und genau hier haben die meisten Unternehmer eine gefährliche Lücke.
Als Financial Consultant sehe ich regelmäßig Unternehmer, die ihre Sachwerte hervorragend versichert haben, aber den Betriebsausfall komplett vergessen. Dabei ist ein Ertragsausfall oft existenzbedrohender als der Sachschaden selbst. Ein Brand zerstört Maschinen — die lassen sich ersetzen. Aber drei Monate ohne Umsatz bei laufenden Fixkosten? Das kann das Ende bedeuten. In diesem Artikel erkläre ich dir, was eine BU-Versicherung für Gewerbebetriebe abdeckt, wie du die richtige Versicherungssumme berechnest und was sie kostet.
Was eine Betriebsunterbrechungsversicherung abdeckt
Die Betriebsunterbrechungsversicherung — oft auch als Ertragsausfallversicherung bezeichnet — sichert dich gegen den finanziellen Schaden ab, der entsteht, wenn dein Betrieb durch ein versichertes Ereignis stillsteht oder eingeschränkt arbeitet. Sie ist keine eigenständige Police, sondern immer an eine zugrundeliegende Sachversicherung gekoppelt.
Das Prinzip ist einfach: Die BU-Versicherung stellt dich finanziell so, als wäre die Betriebsunterbrechung nicht eingetreten. Sie ersetzt:
Entgangenen Gewinn: Der Gewinn, den du während der Ausfallzeit erwirtschaftet hättest. Berechnet wird er auf Basis deiner historischen Zahlen — in der Regel dem Durchschnitt der letzten 12 Monate.
Weiterlaufende Fixkosten: Miete, Löhne und Gehälter, Leasingraten, Versicherungsprämien, Zinsen — alles, was du auch bei Stillstand weiter bezahlen musst. Die Fixkosten laufen gnadenlos weiter, egal ob du Umsatz machst oder nicht.
Mehrkosten: Zusätzliche Kosten, die entstehen, um den Betriebsausfall zu verkürzen — zum Beispiel Expresslieferungen, provisorische Räumlichkeiten oder Überstundenzuschläge. Diese Mehrkostenversicherung ist bei vielen Tarifen automatisch enthalten oder als Baustein zubuchbar.
Welche Ereignisse versichert sind
Die BU-Versicherung zahlt nur, wenn der Betriebsausfall durch ein Ereignis ausgelöst wird, das in der zugrundeliegenden Sachversicherung gedeckt ist. Typische versicherte Gefahren:
Feuer und Explosion: Der Klassiker. Ein Feuer oder Brand in der Produktionshalle oder im Lager legt den Betrieb für Wochen oder Monate lahm. Laut GDV verursachen Brände in Gewerbebetrieben durchschnittlich 180.000 Euro Sachschaden — der Betriebsausfall verdoppelt diese Summe nicht selten.
Leitungswasser und Rohrbruch: Wasserschäden sind die häufigste Schadenursache im Gewerbebereich. Besonders Gastronomie, Einzelhandel und Arztpraxen im Erdgeschoss sind betroffen.
Sturm und Hagel: Dachabdeckungen, zerbrochene Fenster, Wassereintritt — ein schweres Unwetter kann den Betrieb für Tage oder Wochen beeinträchtigen.
Hochwasser und Überschwemmung: Seit den Flutkatastrophen der letzten Jahre ein brennendes Thema. Viele Standardpolicen schließen Hochwasser aus — hier ist ein Erweiterte-Elementarschäden-Baustein nötig.
Maschinenbruch: Wenn deine zentrale Produktionsmaschine ausfällt und ein Ersatzteil 8 Wochen Lieferzeit hat, steht dein Betrieb. Die Maschinenbruch-BU deckt den Ertragsausfall, während die Maschinenversicherung den Sachschaden ersetzt.
Einbruchdiebstahl: Gestohlene Waren und beschädigte Einrichtung — plus der Betriebsausfall bis zur Wiederbeschaffung.
Die Betriebsunterbrechungsversicherung ist die zweitwichtigste Versicherung für jeden Unternehmer — gleich nach der Haftpflicht. Denn der Sachschaden ist endlich, aber der Ertragsausfall kann das Unternehmen ruinieren.
Kleine BU vs. große BU: Was du wirklich brauchst
Am Markt unterscheidet man zwischen der kleinen Betriebsunterbrechungsversicherung und der großen Betriebsunterbrechungsversicherung. Der Unterschied ist fundamental — und wird häufig missverstanden.
Kleine BU (Praxisausfallversicherung)
Die kleine BU richtet sich an Freiberufler, Solo-Selbstständige und Praxisinhaber — also Unternehmen, deren Ertrag direkt an die Arbeitskraft des Inhabers gekoppelt ist. Sie zahlt, wenn der Inhaber durch Krankheit oder Unfall ausfällt und deshalb der Betrieb stillsteht. Die kleine BU ist im Prinzip eine Art Krankentagegeld auf Unternehmensebene. Typische Kunden: Ärzte, Anwälte, Steuerberater, Handwerksmeister.
Versicherungssumme: Meist ein Tagessatz von 50 bis 500 Euro, multipliziert mit der maximalen Ausfallzeit. Leistungsdauer: oft 6 bis 24 Monate.
Große BU (Ertragsausfallversicherung)
Die große BU ist die klassische Betriebsunterbrechungsversicherung für Unternehmen mit Mitarbeitern, Produktionsanlagen, Lagerbeständen oder Geschäftsräumen. Sie ist an die Sachversicherung gekoppelt und zahlt bei sachschadenbedingtem Betriebsausfall. Die Versicherungssumme orientiert sich am Jahresrohertrag.
Versicherungssumme: Berechnet aus Jahresumsatz minus Wareneinsatz und variable Kosten. Bei einem Unternehmen mit 1 Million Euro Umsatz und 400.000 Euro Rohertrag wäre die Versicherungssumme 400.000 Euro. Mehr dazu im nächsten Abschnitt.
Was du brauchst — ein Entscheidungsbaum
Du arbeitest allein und dein Ertrag hängt an deiner Person? Dann brauchst du die kleine BU — zusätzlich zu einer guten Berufsunfähigkeitsversicherung.
Du hast Mitarbeiter, Maschinen oder Geschäftsräume? Dann brauchst du die große BU, gekoppelt an deine Sachversicherung. Beide Varianten schließen sich nicht aus — viele Unternehmer brauchen tatsächlich beides.
Versicherungssumme berechnen: So findest du die richtige Höhe
Die Versicherungssumme ist der kritischste Parameter der Betriebsunterbrechungsversicherung. Ist sie zu niedrig, bekommst du im Schadenfall nicht genug. Ist sie zu hoch, zahlst du unnötig Prämie. So berechnest du den richtigen Betrag:
Die Rohertragsmethode
Die Standardmethode zur Berechnung der Versicherungssumme basiert auf dem Rohertrag. Der Rohertrag ist definiert als:
Rohertrag = Umsatzerlöse - Wareneinsatz - aufwandsbezogene variable Kosten
Oder einfacher ausgedrückt: Der Rohertrag entspricht ungefähr deinen Fixkosten plus deinem Gewinn. Genau das sind die beiden Posten, die bei einem Betriebsausfall weiterlaufen beziehungsweise wegfallen.
Rechenbeispiel Gastronomie
Ein Restaurant mit 600.000 Euro Jahresumsatz. Wareneinsatz: 180.000 Euro (30 %). Variable Kosten (Aushilfen, Verbrauchsmaterial): 60.000 Euro. Rohertrag: 600.000 - 180.000 - 60.000 = 360.000 Euro. Das ist die Versicherungssumme, die du mindestens brauchst — vorausgesetzt, die Haftzeit deckt ein volles Jahr ab.
Rechenbeispiel Handwerk
Ein Handwerksbetrieb mit 1,2 Millionen Euro Jahresumsatz. Materialkosten: 360.000 Euro (30 %). Variable Kosten (Leiharbeiter, Fahrzeugkosten pro Auftrag): 120.000 Euro. Rohertrag: 1.200.000 - 360.000 - 120.000 = 720.000 Euro.
Wichtig: Viele Unternehmer unterschätzen ihren Rohertrag, weil sie Gehälter als variable Kosten einstufen. Das ist falsch: Löhne und Gehälter festangestellter Mitarbeiter sind Fixkosten. Du zahlst sie weiter, auch wenn der Betrieb steht. Sie gehören in die Versicherungssumme.
Die häufigste Falle bei der BU-Versicherung: eine zu niedrige Versicherungssumme. Im Schadenfall greift dann die Unterversicherungsklausel und du bekommst nur einen Bruchteil ersetzt.
Kosten und Karenzzeit: Was eine BU-Versicherung kostet
Die Kosten einer Betriebsunterbrechungsversicherung hängen von mehreren Faktoren ab: Versicherungssumme, Branche, Haftzeit, Karenzzeit und Selbstbehalt.
Kosten nach Branche und Größe
Kleine Dienstleister (bis 250.000 Euro Rohertrag): 200 bis 600 Euro pro Jahr. Das sind oft nur 10 bis 15 % Aufpreis auf die bestehende Sachversicherung.
Gastronomie und Einzelhandel (250.000 bis 500.000 Euro Rohertrag): 500 bis 1.500 Euro pro Jahr. Gastronomie zahlt etwas mehr wegen des erhöhten Brandrisikos.
Handwerk und Produktion (500.000 bis 2 Mio. Euro Rohertrag): 1.500 bis 5.000 Euro pro Jahr. Hier spielen Maschinenbruch-Risiken eine große Rolle.
Mittelstand (über 2 Mio. Euro Rohertrag): Individuell kalkuliert, typischerweise 0,1 bis 0,5 % der Versicherungssumme.
Karenzzeit: Der eingebaute Selbstbehalt
Die Karenzzeit ist die Wartefrist nach Eintritt des Schadens, ab der die Versicherung zahlt. Typische Karenzzeiten: 2 Tage, 3 Tage, 7 Tage oder 14 Tage. Je länger die Karenzzeit, desto niedriger die Prämie.
Für die meisten KMU empfehle ich eine Karenzzeit von 2 bis 3 Tagen. Einen kurzen Ausfall von 1 bis 2 Tagen kannst du aus eigener Kraft überbrücken. Aber bei längeren Ausfällen wird es schnell kritisch — und genau dafür brauchst du die Versicherung.
Haftzeit: Wie lange die Versicherung zahlt
Die Haftzeit begrenzt die maximale Leistungsdauer. Gängige Haftzeiten: 6 Monate, 12 Monate, 18 Monate oder 24 Monate. Je nach Branche und Wiederaufbauzeit solltest du die Haftzeit realistisch wählen.
Dienstleister und Bürobetriebe: 6 bis 12 Monate reichen in der Regel. Neue Räume finden und IT wiederherstellen dauert selten länger.
Gastronomie und Einzelhandel: 12 Monate sind empfehlenswert. Umbau, Genehmigungen und Wiedereröffnung brauchen Zeit.
Handwerk und Produktion: 12 bis 18 Monate. Spezialmaschinen haben oft lange Lieferzeiten — 6 bis 9 Monate für eine CNC-Fräse sind keine Seltenheit.
Für wen sich eine Betriebsunterbrechungsversicherung lohnt
Kurz gesagt: Für fast jeden Unternehmer, der nicht ausschließlich als Freelancer ohne Fixkosten arbeitet. Aber es gibt Branchen und Situationen, in denen die BU-Versicherung besonders wichtig ist:
Gastronomie: Hohe Fixkosten (Miete, Personal), hohe Abhängigkeit von den Räumlichkeiten, erhöhtes Brand- und Wasserschadenrisiko. Ein Restaurant, das 3 Monate geschlossen bleibt, verliert nicht nur Umsatz — es verliert auch Stammkunden, die zur Konkurrenz abwandern.
Handwerk und Produktion: Abhängigkeit von Spezialmaschinen, die bei Ausfall oder Maschinenbruch wochenlang nicht ersetzbar sind. Die Maschinenbruch-BU ist hier ein Muss.
Einzelhandel: Lagerbestände, Mietkosten, Personal — ein Wasserschaden im Laden kann den Betrieb für Wochen lahmlegen. Und in der Zwischenzeit kaufen die Kunden bei Amazon.
Arztpraxen und Kanzleien: Hohe Fixkosten (Personal, Praxismiete, Leasingraten für Geräte) und gleichzeitig keine Möglichkeit, den Umsatz nachzuholen — ein verlorener Behandlungstag ist unwiederbringlich verloren.
IT-Unternehmen und Agenturen: Hier ergänzt die BU-Versicherung die Cyber-Versicherung. Denn ein IT-Ausfall durch Sachschaden ist genauso schmerzhaft wie ein Hackerangriff.
Wann du sie nicht brauchst
Wenn du als Solo-Freelancer ohne Büro, ohne Mitarbeiter und ohne physische Betriebsmittel arbeitest, brauchst du keine große BU-Versicherung. Dein Laptop lässt sich in 24 Stunden ersetzen, und du kannst von überall arbeiten. In diesem Fall reicht die kleine BU (Praxisausfallversicherung) gegen deinen eigenen Ausfall.
Die Betriebsunterbrechungsversicherung gehört zu den Versicherungen, die man erst vermisst, wenn es zu spät ist. Anders als eine D&O-Versicherung, die den Geschäftsführer persönlich schützt, schützt die BU das Unternehmen als Ganzes. Die Prämien sind im Verhältnis zum Risiko erstaunlich günstig — oft weniger als 0,5 % des abgesicherten Rohertrags. Und im Schadenfall kann sie den Unterschied zwischen "ärgerlich, aber überlebt" und "Insolvenz" bedeuten.
Wenn du unsicher bist, ob deine bestehende Sachversicherung eine BU-Komponente enthält, wie hoch deine Versicherungssumme sein sollte oder ob du eine kleine oder große BU brauchst — melde dich bei mir. Gemeinsam analysieren wir deine Risikosituation und finden die passende Absicherung für dein Unternehmen.
Häufige Fragen
Was deckt eine Betriebsunterbrechungsversicherung ab?
Die Betriebsunterbrechungsversicherung (BU-Versicherung für Unternehmen) ersetzt den entgangenen Betriebsgewinn und die fortlaufenden Fixkosten (Miete, Gehälter, Kredite), wenn dein Betrieb durch einen versicherten Schaden wie Brand, Wasserschaden oder Maschinenausfall zum Stillstand kommt. Die Haftzeit beträgt typischerweise 12–24 Monate.
Wie berechne ich die richtige Versicherungssumme?
Die Versicherungssumme orientiert sich an deinem Jahresumsatz minus variable Kosten plus Gewinn. Faustregel: Jahresumsatz multipliziert mit der Haftzeit in Monaten, geteilt durch 12. Bei 500.000 Euro Jahresumsatz und 12 Monaten Haftzeit wäre die Versicherungssumme rund 500.000 Euro. Eine Unterversicherung führt zu anteiliger Kürzung der Leistung.
Brauche ich zusätzlich eine Maschinenversicherung?
Wenn dein Betrieb von Maschinen oder technischen Anlagen abhängt, ist eine Maschinenversicherung sinnvoll — sie deckt Reparatur- und Wiederbeschaffungskosten. Die BU-Versicherung greift erst, wenn die Maschinenversicherung den Sachschaden reguliert hat. Beide Policen ergänzen sich und sollten aufeinander abgestimmt sein.



