Was ist dein Unternehmen wert? Diese Frage klingt einfach, hat aber selten eine eindeutige Antwort. Je nachdem, welche Unternehmensbewertung Methode du verwendest, kann der gleiche Betrieb 1,5 Millionen oder 4 Millionen Euro wert sein. Und genau das ist das Problem: Wenn du den Wert nicht kennst, verhandelst du im Dunkeln — ob beim Verkauf und der Festsetzung des Kaufpreises, bei der Aufnahme eines Investors oder bei der steuerlichen Gestaltung einer Nachfolge.
Dieser Artikel erklärt die drei gängigsten Methoden zur Unternehmensbewertung mit konkreten Rechenbeispielen, zeigt dir, welche Methode für welchen Anlass passt, und gibt dir die Werkzeuge, um deinen Unternehmenswert selbst einzuschätzen, bevor du einen Steuerberater oder Gutachter einschaltest.
Warum jedes Unternehmen seinen Wert kennen sollte
Die Unternehmensbewertung ist nicht nur für den Verkauf relevant. Es gibt mindestens sechs Anlässe, bei denen du den Firmenwert kennen musst: Verkauf oder Kauf, Nachfolgeplanung (Schenkungsteuer), Aufnahme eines Investors oder Gesellschafters, Ausscheiden eines Gesellschafters (Abfindung), Scheidung (Zugewinnausgleich) und steuerliche Gestaltung (Holding-Struktur). Mehr zur steuerlichen Optimierung über eine Holding erfährst du in unserem Artikel zur Holding-Struktur.
Je nach Bewertungsanlass gelten unterschiedliche Standards. Für steuerliche Zwecke (Erbschaft, Schenkung) wird oft das vereinfachte Ertragswertverfahren nach Bewertungsgesetz angewendet. Für Unternehmenstransaktionen nutzen Käufer und Verkäufer das Multiplikatorverfahren oder DCF-Verfahren. Für gerichtliche Auseinandersetzungen gilt in der Regel der IDW S1-Standard der Wirtschaftsprüfer.
Dein Unternehmen ist genau so viel wert, wie jemand bereit ist, dafür zu zahlen. Aber eine fundierte Bewertung sorgt dafür, dass du den richtigen Preis verlangst, nicht zu wenig und nicht unrealistisch viel.
Multiplikatorverfahren mit EBITDA
Das Multiplikatorverfahren (auch Marktwertmethode oder Vergleichswertverfahren) ist die in der Praxis am häufigsten verwendete Methode für mittelständische Unternehmen. Und die einfachste.
So funktioniert es
Du nimmst das bereinigte EBITDA (Earnings Before Interest, Taxes, Depreciation and Amortization, also Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) und multiplizierst es mit einem branchenüblichen Faktor, dem EBITDA-Multiple.
Formel: Unternehmenswert = bereinigtes EBITDA x Multiple
Die EBITDA-Multiples im deutschen Mittelstand liegen aktuell (2025/2026) bei durchschnittlich 5,7x und variieren stark nach Branche:
Software/SaaS: 8x bis 15x (bei wiederkehrenden Umsätzen). IT-Dienstleistung: 6x bis 9x. Gesundheitswesen: 7x bis 10x. Maschinenbau: 5x bis 7x. Handwerk/Bau: 3x bis 5x. Einzelhandel: 3x bis 5x. Gastronomie: 2,5x bis 4x.
Rechenbeispiel
Ein IT-Dienstleister mit 2,5 Mio. Euro Umsatz und 600.000 Euro bereinigtem EBITDA. Branchenüblicher EBIT Multiple: 7x. Unternehmenswert: 600.000 x 7 = 4.200.000 Euro.
Aber: Das EBITDA muss bereinigt werden. Typische Normalisierung des Ergebnisses: Geschäftsführergehalt auf marktüblich korrigieren (z. B. GF zahlt sich 250.000 Euro, marktüblich wären 150.000 Euro, also +100.000 Euro EBITDA), einmalige Kosten eliminieren, private Ausgaben über die Firma rausrechnen. Nach Bereinigung steigt das EBITDA oft um 50.000 bis 150.000 Euro, was bei einem 7x-Multiple 350.000 bis 1.050.000 Euro mehr Unternehmenswert bedeutet.
Abschläge und Zuschläge
Der reine Multiple-Wert ist ein Ausgangspunkt. Dann kommen Abschläge und Zuschläge: Kundenkonzentration (mehr als 30 % bei einem Kunden: -10 bis -20 %), Inhaberabhängigkeit (GF ist einziger Vertriebskanal: -15 bis -30 %), wiederkehrende Umsätze (SaaS, Wartungsverträge: +10 bis +20 %), Wachstumsrate (über 15 % p.a.: +10 bis +25 %), Synergieeffekte (strategischer Käufer kann Synergien heben: +10 bis +30 %). Diese Zu- und Abschläge können den Wert um 500.000 Euro oder mehr verschieben.
DCF-Verfahren: Der Goldstandard
Das DCF-Verfahren (Discounted Cash Flow) ist die theoretisch fundierteste Methode und wird von Investmentbanken, Private-Equity-Fonds und Wirtschaftsprüfern als Standard verwendet.
So funktioniert es
Du schätzt die zukünftigen freien Cashflows des Unternehmens für die nächsten 5 bis 10 Jahre und diskontierst sie auf den heutigen Wert (Barwert). Dazu kommt ein Terminal Value (Restwert), der den Wert aller Cashflows nach dem Planungszeitraum abbildet.
Formel: Unternehmenswert = Summe der diskontierten freien Cashflows + diskontierter Terminal Value
Der Diskontierungszins (WACC, Weighted Average Cost of Capital) spiegelt das Risiko des Unternehmens wider. Für KMU im Mittelstand liegt der WACC typischerweise bei 8 bis 14 %, abhängig von Branche, Größe und Risikoprofil.
Rechenbeispiel
Ein Handwerksbetrieb mit stabilem Cashflow. Freier Cashflow Jahr 1: 200.000 Euro, Jahr 2: 210.000, Jahr 3: 220.000, Jahr 4: 230.000, Jahr 5: 240.000. Wachstumsrate danach: 1 % p.a. WACC: 10 %.
Barwert der Cashflows (Jahre 1–5): 200.000/1,10 + 210.000/1,21 + 220.000/1,331 + 230.000/1,4641 + 240.000/1,6105 = ca. 181.818 + 173.554 + 165.289 + 157.065 + 149.024 = 826.750 Euro.
Terminal Value: 240.000 x 1,01 / (0,10 – 0,01) = 242.400 / 0,09 = 2.693.333 Euro. Diskontiert: 2.693.333 / 1,6105 = 1.672.067 Euro.
Gesamter Unternehmenswert: 826.750 + 1.672.067 = 2.498.817 Euro (ca. 2,5 Mio. Euro).
Stärken und Schwächen
Stärke: Das DCF-Verfahren bildet den tatsächlichen wirtschaftlichen Wert ab, basierend auf zukünftigen Erträgen. Es berücksichtigt Wachstum, Investitionen und Risiko. Schwäche: Es hängt stark von den Annahmen ab. Ändere den WACC von 10 auf 12 % und der Wert sinkt um 300.000 bis 500.000 Euro. Ändere die Wachstumsrate von 1 auf 2 % und er steigt um 400.000 Euro. Die Methode ist nur so gut wie die Prognosen.
Ertragswert vs. Substanzwert
Ertragswertverfahren
Das Ertragswertverfahren ist der deutsche Verwandte des DCF-Verfahrens und in der Praxis bei Steuerberatern und Gerichten weit verbreitet. Es basiert auf dem nachhaltig erzielbaren Ertrag (Jahresüberschuss nach Steuern) und einem Kapitalisierungszins. Das vereinfachte Ertragswertverfahren nach Bewertungsgesetz (§ 199 BewG) ist die Pflichtmethode für steuerliche Bewertungen (Schenkung, Erbschaft), wenn kein Gutachten nach IDW S1 vorgelegt wird.
Formel: Ertragswert = nachhaltiger Jahresertrag / Kapitalisierungszins
Der Kapitalisierungszins lag 2025 bei 7,5 % (Basiszins + Risikozuschlag). Bei einem nachhaltigen Jahresertrag von 300.000 Euro: 300.000 / 0,075 = 4.000.000 Euro. Das vereinfachte Ertragswertverfahren führt oft zu deutlich höheren Werten als das Multiplikatorverfahren, was bei Schenkungen steuerlich nachteilig sein kann. Deswegen lohnt sich fast immer ein IDW-S1-Gutachten, das in der Regel niedrigere Werte ergibt.
Substanzwertverfahren
Das Substanzwertverfahren bewertet die einzelnen Vermögensgegenstände eines Unternehmens zu Zeitwerten: Maschinen, Immobilien, Vorräte, Forderungen, abzüglich Verbindlichkeiten. Der Substanzwert ist die Wertuntergrenze, der Preis, den du bekommst, wenn du alles einzeln verkaufst.
Das Substanzwertverfahren ignoriert den Goodwill, also den Wert, der über die Summe der Einzelteile hinausgeht: Kundenbeziehungen, Markenbekanntheit, Know-how, Marktposition. Für profitable Unternehmen ist der Substanzwert deshalb fast immer zu niedrig. Er eignet sich vor allem als Plausibilitätscheck: Liegt der Ertragswert deutlich über dem Substanzwert, ist der Goodwill hoch, und der Käufer zahlt viel für immaterielle Werte.
Unternehmenswert selbst einschätzen
Bevor du 5.000 bis 15.000 Euro für ein professionelles Gutachten ausgibst, kannst du deinen Unternehmenswert grob selbst einschätzen, bevor du ein formelles Bewertungsgutachten in Auftrag gibst. Hier ist der Fahrplan:
Schritt 1: EBITDA berechnen
Nimm den Jahresüberschuss der letzten 3 Jahre aus deiner BWA oder deinem Jahresabschluss. Addiere Zinsen, Steuern und Abschreibungen. Bilde den Durchschnitt. EBITDA berechnen ist keine Raketenwissenschaft: Jahresüberschuss + Zinsen + Ertragsteuern + Abschreibungen = EBITDA.
Schritt 2: EBITDA bereinigen
Korrigiere das EBITDA um einmalige und nicht-betriebsnotwendige Posten: Geschäftsführergehalt auf marktüblich normalisieren, private Ausgaben rausrechnen, einmalige Kosten eliminieren, einmalige Erträge ebenfalls rausrechnen.
Schritt 3: Multiple bestimmen
Recherchiere den branchenüblichen EBITDA-Multiple. Quellen: Branchenstudien der KfW, Datenbanken wie Finance-Magazin oder BDU-Studien, Gespräche mit M&A-Beratern. Im Zweifel: Nimm den Mittelwert der Branchenspanne.
Schritt 4: Zu- und Abschläge anwenden
Beurteile ehrlich: Wie inhaberabhängig ist dein Unternehmen? Wie konzentriert ist dein Kundenstamm? Wie stark wächst du? Wende die Zu- und Abschläge an.
Schritt 5: Wert einordnen
Du hast jetzt eine Bandbreite. Ein Unternehmen mit 400.000 Euro bereinigtem EBITDA in einer Branche mit 5x bis 7x Multiple und einem Abschlag von 15 % für Inhaberabhängigkeit kommt auf: 400.000 x 5 x 0,85 = 1.700.000 Euro (unteres Ende) bis 400.000 x 7 x 0,85 = 2.380.000 Euro (oberes Ende). Die Wahrheit liegt wahrscheinlich dazwischen.
Die Kosten für ein professionelles Gutachten nach IDW S1 liegen bei 8.000 bis 25.000 Euro, abhängig von der Größe und Komplexität des Unternehmens. Ein indikatives Gutachten (weniger formal) gibt es ab 3.000 bis 5.000 Euro. Für einen Unternehmensverkauf oder eine Exit-Strategie lohnt sich diese Investition immer.
Dein nächster Schritt: Rechne dein EBITDA aus. Heute noch. Nimm die letzte BWA, addiere Zinsen, Steuern und Abschreibungen, und du hast eine erste Zahl. Multipliziere mit dem branchenüblichen Multiple, und du weißt, in welcher Größenordnung dein Unternehmen spielt. Wenn du den Wert genauer wissen willst, buche ein kostenloses Erstgespräch.
Häufige Fragen
Welche Methoden zur Unternehmensbewertung gibt es?
Die drei Hauptmethoden sind: Ertragswertverfahren (bewertet zukünftige Ertragserwartungen), Discounted-Cashflow-Methode (diskontiert zukünftige Cashflows), und EBITDA-Multiple-Verfahren (branchenüblicher Faktor auf das operative Ergebnis). Für KMU wird häufig das vereinfachte Ertragswertverfahren oder ein pragmatisches Multiple-Verfahren angewandt.
Was ist ein typischer EBITDA-Multiple für KMU?
Für deutsche KMU liegen typische EBITDA-Multiples zwischen 4x und 8x, abhängig von Branche, Wachstum, Marktposition und Abhängigkeit vom Inhaber. IT und Software erzielen 6–10x, Handwerk und Dienstleistungen 3–5x, Handel 4–6x. Starke Inhaberabhängigkeit senkt den Multiple deutlich.
Wann brauche ich eine professionelle Unternehmensbewertung?
Eine professionelle Bewertung ist wichtig bei: geplantem Verkauf oder Kauf, Gesellschafterein- oder -austritt, Erbschaft und Schenkung, Ehescheidung mit Unternehmensbeteiligung, Finanzierungsverhandlungen und steuerlichen Gestaltungen. Die Kosten liegen bei 5.000–20.000 Euro je nach Komplexität.



